Millionen mit Frühstücksbrettchen aus Wandsbek

Aus dem Hamburger Abendblatt vom 15.07.2013 von Melanie Wassink (Foto: Klaus Bodig)

Verena Rannenberg von der Firma Rannenberg&Friends Hamburg. Verena Rannenberg entspricht dem Klischee einer Unternehmerin so gar nicht. Mit praktischem Kurzhaarschnitt und im Schlabbershirt mit dem Gute-Laune-Aufdruck "Lächeln" erscheint sie zum Interview. Auch der erste Eindruck ihrer Firma bestätigt: Eitel ist hier niemand. Der Eingang führt durch einen unverputzten Flur, es fehlen Empfang und Empfangsdame, die Möbel in Holz statt chefmäßigem Leder und Chrom erinnern an skandinavisches Wohnen. Auf dem firmeneigenen Balkon mit Blick auf einen Lagerhof pflanzt die Chefin Kräuter, Gemüse und Sommerblumen, auf einem Erdhügel hat sie einen Plastik-Maulwurf drapiert. Gemütlich geht hier vor Design, liebevolle Details sind wichtiger als Luxus.
Auch wenn bei der Firma wenig auf Show gemacht wird, hinter der einfachen Fassade verbirgt sich ein äußerst erfolgreiches Unternehmen, das Accessoires wie Laptoptaschen, Zettelblöcke oder Notizhefte anbietet. Verena Rannenberg verspricht wenig und hält alles: Der Umsatz dürfte im laufenden Jahr acht Millionen Euro erreichen, nach einem stetigen, kräftigen Wachstum: 2007 erlöste Rannenberg noch 1,8 Millionen Euro, 2010 waren es 4,5 Millionen Euro.

Verena Rannenberg ist alleinige Inhaberin eines Unternehmens, das auf 3000 Quadratmetern 5000 Produkte bereithält für die großen Namen des deutschen Einzelhandels: Buchhandlungen wie Thalia, Heymann und Hugendubel gehören zu ihren Kunden, machen immerhin die Hälfte des Umsatzes bei dem Hamburger Anbieter aus. "Wir sind der Tchibo des Buchhandels", sagt Verena Rannenberg, die früher selbst im Buchvertrieb tätig war, "mit unseren Produkten gibt es jede Woche eine neue Welt." Aber auch andere Einzelhändler wie Kaufhof, Gartencenter sowie Flughafen- und Bahnhofsshops beliefert ihr Unternehmen, das auch beim Personalbestand wächst: Die Zahl der Mitarbeiter ist bereits auf 40 angestiegen, im nächsten Jahr sollen noch eine Handvoll neue Beschäftigte dazukommen, sagt Verena Rannenberg.

Die Inhaberin führt durch ihren Showraum mit Frühstücksbrettchen und Coffee-to-go-Bechern, im Lager zeigt sie noch einmal Hunderte Paletten mit Brillenputztüchern und Maus-Pads. Sie halte grundsätzlich nichts von "Stehrümchen", sagt die 55-Jährige, also Dingen, die nur in der Ecke stehen und einstauben. "Das braucht kein Mensch", sagt sie lächelnd, denn auch den Gedanken der Nachhaltigkeit will sie nicht völlig vernachlässigen. Die gebürtige Osnabrückerin erfindet stattdessen immer wieder Produktneuheiten, die alle ihren ganz besonderen Sinn haben: Kühlschrankmagnete mit Notizblöckchen, Regenschirme mit Motiven, die auch bei Schmuddelwetter für ein Lächeln sorgen, Nagelfeilen mit Kunstmotiven für Museumsshops. Von Verena Rannenberg & Friends kommen dabei so bekannte Motive wie "Mutti macht das schon" oder das "Chaos-Schwein", das die Illustratorin Nastja Holtfreter in Alltagssituationen zeigt.

Rannenberg entwirft für Kunden wie den Buchhandel zwar nur das "Beiprogramm". Dieses wird aber für die Literaturläden immer wichtiger. Thalia lockt die Kunden längst nicht mehr nur mit Klassikern, Krimis und Kochbüchern, sondern bietet Erlebniswelten rund um das Buch. Neben dem Ratgeber für Gartenfreunde sollen Schaufeln, Kräutersets oder Gummistiefel für zusätzlichen Umsatz sorgen, denn die Verkäufe im klassischen Buchgeschäft gehen wegen der Konkurrenz von Amazon & Co seit Jahren zurück. Außerdem: Jedes zweite Buch ist ein Geschenk, so dass sich viele Kunden für Zusatzausgaben wie Karten oder Kulis begeistern lassen.

"Mit Postkarten haben wir ursprünglich auch angefangen", sagt Rannenberg. Deren Bedarf sei auch in Zeiten von E-Mails ungebremst, selbst Briefpapier finde noch seine Abnehmer. Die in St. Georg lebende Chefin lässt in Europa und Asien produzieren, versucht dabei aber, dem Billigtrend mit seinen Dumpinglöhnen und zum Teil gesundheitsschädlichen Plastikwaren zu entgehen. "Jedes Glied in der Kette soll angemessen entlohnt werden, die Arbeiter, die Produzenten, der Zwischenhandel wie wir und der Einzelhandel", sagt Rannenberg.

Verlangt ein Kunde zu niedrige Renditen, bricht Verena Rannenberg die Verhandlungen auch schon mal ab. Außerdem spart sie in der Firma an allem Überflüssigen, die Lage in Wandsbek und die Büroräume in einer ehemaligen Eisfabrik zeigen die Kostendisziplin der gelernten Buchhändlerin und Fotografin. Einzig der Raum mit der Massageliege für die Mitarbeiter bildet eine kleine Oase des Luxus.

Zeitungsartikel aus dem Hamburger Abendblatt vom 15.07.2013.